| Sieben Linden im April In Sieben Linden scheint die Sonne am ersten April - das ist ein GUTER Witz, danke dafür. Letzte Woche noch, als eine Schar junger Leute im Globolo eine Sommerküche und eine Solardusche bauten sowie Bäume pflanzten, konnten die Büroarbeiter_innen unter uns fast dankbar für ihre warmen Sessel sein. Jetzt gucken die in die Röhre, während Silke mit ihren Pferden, die Gärtner_innen und die Handwerker_innen im echten Frühling werkeln dürfen. Die Kinder springen eh schon nackig herum. Die Winterdepressiven reiben sich die Augen: War es das? Kann man dem Frieden trauen? Ist ja immerhin April. Seit wenigen Wochen ist in Sieben Linden wieder was los. Nach der winterlichen Gästepause ist der Regiohausessraum und die Tanzbar am Samstagabend wieder rappelvoll. Gerade rechtzeitig wurde der neue Sieben-Linden-Empfangsraum in Betrieb genommen, werktäglich vormittags besetzt mit unseren charmanten "Sekretär_innen" Stefan und Julia. Ihre Emails und Telefonanrufe an den Freundeskreis Ökodorf landen jetzt also erst mal in deren Händen. Das entlastet das Seminarbüro und das ist gut so, denn von dort wird ein Riesenansturm vermeldet. Der Gemeinschaftskurs - die zentrale Veranstaltung für ein mögliches Landen in Siebenlinden - ist mit 25 Teilnehmer_innen ausgebucht. Weitere Interessenten stehen auf der Warteliste. Kann das wahr sein? Gibt es mehr Ökodorfbewohner als Ökodörfer? Die kapitalistische Logik sagt: Wir müssen das Angebot vergrößern. Schon wurde ein brachliegendes Gelände in der Nachbarschaft gesichert, die Siedlungsplanung für dieses "Ökodorf Rittleben" läuft in vollem Gange. Wir hoffen, noch in diesem Monat die ersten Bauwochen dort anbieten zu können. Diese Lösung hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen können wir unsere Seminarangebote ausbauen und die Nachfrage bedienen, die möglicherweise übrigens der Finanzkrise geschuldet ist. Wer will jetzt nicht gern in einem Ökodorf leben, wo seinem Geld nichts mehr passieren kann? Zum anderen können wir langjährige Konflikte endgültig beenden. In der Filiale Rittleben wird Tierhaltung und vegetarische Selbstversorgung (Milch und Eier) nach biologisch-dynamischen Grundsätzen möglich sein, auch ab und zu ein Brathuhn ist dort legal. Sieben Linden wird dann ganz vegan. Außerdem sind wir flexibler in der Frage, was wir uns als Forschungsprojekt erlauben dürfen. Momentan ist es ja noch so, dass die Augen der Öffentlichkeit auf Sieben Linden gerichtet sind. Nicht optimal für echte soziologische Forschung, die ergebnisoffen arbeiten muss, um wirklich etwas übers Menschsein herausbekommen zu können. Wenn unsere Zweigstelle fertig ist, wird sie (aufgeräumter und hübscher, als Sieben Linden je war) zum eigentlichen Modellprojekt, in das wir Medien und seriöse Seminargäste einladen. Im anderen können wir dann Gemeinschaftsforschung betreiben. Die Interessenten stehen schon Schlange. Die Soziologen der Uni Münster beispielsweise versuchen schon lange, uns in ihre Reagenzgläser zu stopfen, und Fernsehanfragen á la Big Brother bekommen wir seit Jahren. Bisher musste das Privatfernsehen meist draußen bleiben, das seinen Werbeterror mit lieben Ökos aufhübschen wollte. Jetzt konnte unser dorfeigener Filmemacher einen richtig guten Deal aushandeln. Das ZDF ("mit dem Zweiten sieht man besser") baut ein Studio in Strohballenbauweise im Sieben Lindener Gewerbegebiet. Dafür müssen wir nur den provisorischen Parkplatz auflösen, was sowieso geplant war. In diesem Studio und natürlich direkt auf dem Gelände wird eine Telenovela entstehen, in deren Mittelpunkt die hübsche Konny steht, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in Sieben beginnt und dann im Verlauf von geplanten 1300 Folgen erst erwachsen und dann zur Frau wird. Wir freuen uns schon jetzt auf Folge 342 "Renezvous im Globolo". Die Handlung ist natürlich noch geheim. Das Tolle: Alle Siebenlindener waren einverstanden, als dieses Angebot auf der Vollversammlung am 11. März beschlossen wurde. Alle bis auf Christoph, muss man vielleicht sagen, der sich enthalten hat, weil er die Improtheaterveranstaltung am Montagabend in Gefahr sah. Aber ein Veto hatte auch er nicht. Vielleicht lag es daran, dass das ZDF allen Bewohnern von Sieben Linden für die nächsten drei Jahre ein Grundeinkommen von monatlich 1193,40 Euro bezahlt (abzüglich Rundfunkgebühren, die ab sofort ausnahmslos jede und jeder hier bezahlen muss, ob mit oder ohne Fernseher). Da wird einiges möglich - und schließlich kann mensch jederzeit nach Rittleben wechseln, wenn es einem hier zu bunt wird. Was gibt es noch zu vermelden? Eine schweizer Schulklasse ist zum Bauen und Helfen gekommen, und die Zahl der Holländer am Platz wächst beständig. Wir werden internationaler. Die Esperantowörterbücher aus der Bibliothek sind längst verliehen, im Zweifelfall lächeln wir uns einfach an, wenn wir uns nicht verstehen. Durch das Geld vom ZDF sind sowieso alle entspannter geworden. Auch die Singles in Sieben Linden, die sich in einer Junggesellinnenkleingruppe zusammengeschlossen haben. Momentan wird mit dem Seminarbüro darüber verhandelt, den Familien- und Beziehungsstand der Seminargäste im Vorfeld abzuklären, damit es zwischen einsamen Herzen zu weniger Kollisionen kommt. Diese Entscheidung gestaltet sich schwieriger als die über die Zweigstelle oder die Telenovela. Einsamkeit und Liebe scheinen nach wie vor ein Tabu zu sein oder zumindest ein unschickliches Thema für einen Seminarbetrieb. Dabei wissen wir eigentlich, dass unser emotionaler Zustand alles andere beeinflusst, was wir tun und entscheiden. So möchten ich Sie nachdenklich in den restlichen April schicken, tut mir leid, wenn dieser erste Text nach der Kolumnenpause ein wenig ernster geraten ist als sonst.
Micha W. | |  Solardusche und Sommerküche im Globolo
 Fertigstellung der Solardusche nach der Jungen-Leute-Bauwoche (auf diesem Bild sind wirklich nur rein zufällig keine Frauen zu sehen - Fotografenpech)
 Solarduschkabine
 Elisabeth vor der neuen Globolo-Skyline
 Auch die Schlaglöcher in Sieben Linden sind vor dem Frühling in einen Top-Zustand gebracht wurden
 Baseler Schüler schälen Stämme (im Hintergrund "die Windrose")
 Silke pflügt in Sieben Linden...
 ...und in der Zweigstelle Rittleben (auf der anderen Seite der "Palmen")
 Szenenfoto aus "Konny im Glück" (Quelle: ZDF)
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