Geschichtliches

Der Weg nach Sieben Linden



Von der Idee zum Projektzentrum


Die Idee eines „selbstversorgten, ökologischen Dorfes“ 1989 in Heidelberg kam von Menschen aus dem Kreis der Zeitschrift „ÖKODORF-Informationen“ (später „Eurotopia - Zeitschrift für Leben in Gemeinschaft“). Erste MitstreiterInnen wurden über Annoncen in Zeitungen gesucht, so dass schnell eine bundesweite Gruppe entstand, die das Projekt realisieren wollte. Vier Jahre lang arbeiteten eine im Land verstreute Gruppe, traf sich an Wochenenden zur Konzeptentwicklung und ab und zu zum gemeinsamen Leben und Arbeiten.
Ab 1992 ging es an die Realisierung. Der erste Standort, Stresow an der Grenze Wendland/Altmark scheiterte. Als Zwischenschritt wurde ein Projektzentrum gegründet: in Groß Chüden (Herbst 1993). Einen Ort, an dem eine feste Gruppe von Menschen kontinuierlich gemeinsam lebt und an dem Projekt arbeitet. Von diesem Ort aus sollte dann die weitere Planung laufen und einen Ökodorf-Standort gesucht werden.

Die Jahre um’s Projektzentrum: 1993 – 1997


Die Jahre 1993-1997 nutzten wir, um in der Altmark anzukommen, als Gruppe und als Projekt zu wachsen und eine erste wirtschaftliche Basis aufzubauen. Das Projektzentrum in Groß Chüden wurde mit viel Eigenleistung ökologisch saniert.
In Gr. Chüden und Umfeld entstanden Initiativen und Betriebe, z.B. die Freie Schule Altmark in Depekolk, die Altmärker Fladenbäckerei, der Ökodorf-Buchversand, die Food-Coop und andere. In Chüden entstand auch ein erstes Gästehaus, das lange Jahre Ort für alle Ökodorf-Veranstaltungen war.
Im Jahr 1996 wurden wir mit dem TATORTE-Preis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt als „vorbildliche ökologische Gemeindeinitiative“ ausgezeichnet. Dieser Preis war mit viel Öffentlichkeitsarbeit verbunden und wir nutzten diesen Schwung dann für die Verhandlungen über einen Standort für’s Ökodorf. Diesen Ort fanden
wir 1997: das Gelände „An den Bronsbergstücken“ bei Poppau.

Wir organisieren uns - Genossenschaft und Verein


Im Jahr 1991 wurde der Freundeskreis Ökodorf e.V. als Zusammenschluss aller Ökodorf-Interessierten gegründet. Er war anfangs Rechtsträger für das Ökodorf-Projekt. Der Freundeskreis ist als gemeinnütziger Verein der Träger unser Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, der Regionalentwicklungs- und Naturschutzarbeit und er bündelt alle am Ökodorf Interessierten.

Als die Dorfrealisierung näher rückte, wurde die Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G. als Trägerin des Dorfprojektes gegründet. Die Genossenschaft bildet die wichtigste Organisationseinheit im Dorf. Ihr gehört das Ökodorf-Projektzentrum in Groß Chüden, das Gelände in Poppau, sie ist Eigentümerin der Genossenschaftshäuser (derzeit: Regiohaus, Nordriegel und Nebengebäude), Infrastruktur (z.B. Holzunterstände, tlw. Fotovoltaikanlagen, Teich, Amphitheater, Straßen, Pflanzenkläranlage, Wasser- und Abwassersystem, Stromleitungen) und später hoffentlich auch einiger Betriebe. Sie entscheidet über alle Belange, die das Ökodorf als Ganzes betreffen. Alle festen BewohnerInnen sind Mitglied der Siedlungsgenossenschaft.

Die Wohnungsgenossenschaft Sieben Linden e.G. haben wir 1999 dann als Trägerin für den genossenschaftlichen Wohnungsbau gegründet. Sie ermöglichte den Bezug von Eigenheimzulage für die Genossenschaftsanteile und ist als reine Vermietungsgenossenschaft steuerbefreit. Sie wird von einzelnen Nachbarschaften als Rechtsform für den Wohnungsbau genutzt.

Das Ökodorf Sieben Linden


Seit März 1997 ist die Genossenschaft im Besitz einer Fläche, auf der das langersehnte Ökodorf langsam Wirklichkeit wird. Diese Fläche liegt nicht „Mitt´n in de Welt“, wie oft fälschlich behauptet, aber sehr nahe dran. Der Ort Poppau gilt der Sage nach, in der die Welt gründlich vermessen wurde, als Mitte von der Welt.
Die Bezeichnung „Wo die Sieben Linden standen“ für den ausgewählten Ort haben wir aufgegriffen und das Dorf „Sieben Linden“ getauft. Die Gemeinde pflanzte daraufhin 7 Linden neben die Zufahrt zum Ökodorf.
Das Gelände ist durch den Übergang von Wald zu Acker naturräumlich reizvoll, war aber durch die Monokulturbepflanzung ökologisch nicht so wertvoll, dass durch die Ansiedlung des Ökodorfes wertvolle Biotope zerstört werden. An diesem Ort können wir zeigen, dass menschliche Ansiedlung nicht unbedingt eine Verschlechterung der ökologischen Qualität eines Ortes bedeuten muss - wir haben durch unsere Ansiedelung die ökologische Qualität des Geländes verbessert.

Die Pionierphase seit 1997


Im Juni 1997 zogen die ersten Pioniere mit Bauwagen nach Sieben Linden. Die beiden Räume des jetzigen Naturwarenladens waren gleichzeitig Küche, Bad und Büro für BewohnerInnen und Gäste.
Das erste Bauprojekt am Platz war der Ausbau des vorhandenen alten Bauernhofes zum Regionalzentrum Sieben Linden, kurz das Regio-Haus. Hierfür erhielt das Projekt Fördergelder aus der Regionalentwicklung, das Haus ist somit an die Bereitstellung für die Öffentlichkeit gebunden. In zwei Jahren bauten wir das alte, schlecht erhaltene Fachwerkhaus zu einem Niedrigenergiehaus um, das zur Zeit Dreh- und Angelpunkt des Ökodorf-Lebens ist: Es dient als Veranstaltungsort für unsere Seminare und Veranstaltungen und als erste Infrastruktur für viele Ökodorf-BewohnerInnen.

Bebauungsplan und Eröffnungsfest


Das Ökodorf war von Anfang an ein Projekt, das sich nur in Kooperation und Partnerschaft mit der Gesellschaft und vor allem der Gemeinde und den Menschen vor Ort verwirklichen kann. Ein ordentlicher Bebauungsplan musste entwickelt und ein Genehmigungsverfahren durch alle Instanzen durchlaufen werden, bis wir den Traum vom Ökodorf leben durften. Nach anfänglicher Zustimmung der Behörden kam jedoch (zeitgleich zum kirchlichen Sektenvorwurf gegen uns!) der entscheidende Widerspruch aus dem Bereich Regionalplanung: Ein neues Dorf zersiedelt die Landschaft und widerspricht den Zielen der Landesentwicklung.
Der Fall wurde bis in die Landesregierung gereicht.
Dann kam der 2. August 1998, der große Tag: Das Eröffnungsfest mit über 1000 Menschen und Initiativen aus der Region. Nur gab es leider keinen Bebauungsplan! Der Bürgermeister fragte uns, wie immer sehr direkt: „Was feiert ihr eigentlich?“ Die Antwort: „Das Prinzip Hoffnung!“... und dann die Nachricht des Tages, uns zugeflüstert vom Planungsbüro und von dort direkt auf die Bühne :

„Der Bebauungsplan ist durch! Es gibt keine Bedenken mehr!“


Ein magischer Moment: Großer Jubel, Umarmungen, Dankbarkeit. Ein kosmischer Segen für unseren Weg. Das Prinzip Hoffnung hatte gesiegt !

Wir richten uns ein


Im Jahr 1999 wurde die Infrastruktur für die ersten Wohnhäuser gelegt: Wegebau , Wasser- und Abwasser, Strom- und Telefonleitungen für ca. 1/4 des Siedlungsgebietes. Ein erstes Beet der Pflanzenkläranlage, der Feuerlöschteich, gleichzeitig Badesee und Feuchtbiotop, ein Amphitheater für Kulturveranstaltungen. Es wurden ca. 2 ha Laubwald neu angepflanzt und angefangen, den Kiefernwald zu Laubmischwald umzuwandeln. Nach und nach entstehen Windschutzhecken und Brandschutzschneisen bzw. – pflanzungen um das gesamte Dorf herum. Auf dem ca. 2 ha Gartenland wurde der landwirtschaftlich verarmte Boden mühsam zu wertvollem Gartenland und (Obst-) Baumschule umgewandelt. Die Kräuterspirale und der „Drachengarten“ versorgen uns mit Küchenkräutern.
Im Südosten baute der Club99 einen Pferdestall und Weiden für die Arbeitspferde und später noch weitere Pferde. Das im Verfall begriffene Stallgebäude, „der Nordriegel“ wurde 1999-2002 ökologisch saniert und umgebaut zu Kunst-Werkstätten, einem Bionaturkostladen, einem Gemeinschaftsraum, Kneipe, Gästeräumen und Büro.

Es wird wohnlich


1998 wurde im Ort Poppau der Poppauer Hof (damals „Heim“ genannt) von der Genossenschaft angemietet für den symbolischen Preis von 1 Euro gekauft. Die kommenden Jahre wurden und werden der ökologischen Sanierung gewidmet.

Die Nachbarschaft “81,5“ (so benannt nach dem Holz-Rahmenmaß der Häuser) begann im April 2000 mit dem Bau der ersten Wohnhäuser (für ca. 20 Menschen) im Niedrigenergiestandard.

Am 09.09.1999 wurde mit einem schönen Ritual die Nachbarschaft “Club99“ gegründet. 2001 begannen sie mit dem Bau ihres Gemeinschaftshauses „Villa Strohbund“, von Hand und mit ausschließlich regionalen Baustoffen. Bis die Küche und der Gemeinschaftsraum wirklich genutzt werden können dauerte es noch 2 Jahre. 2003 wurden zwei Strohballenkuppeln, eine als Badekuppel, die andere als Wohnraum gebaut. 2008 wird ein weiteres Wohnhaus mit Büro, die „Villa Communia“ fertiggestellt.

2001 schwirrten die ersten Pläne für ein Mietshaus, als Übergangswohnraum im Dorf herum. Als „Strohpolis“ (das zu dieser Zeit größte Strohballenwohnhaus Europas) im Frühjahr 2005 fertiggestellt wurde, zogen ca. 18 Menschen ein.

Die Südwestecke des Ökodorfes wurde auf eine ganz eigene Art erschlossen. Didi und Milan Müller sind die Schöpfer von Globolo. Über die Jahre entstanden die Jurten von Didi mit den schönen Namen „Gurruú-Gurruú“, „Wala Wala“ und „Sila“, zwei Weidenkuppeln und ein bepflanzter Wandelgang. Angrenzend wurde 2005 ein weiteres Feuchtbiotop angelegt.

2003 wurde die Nachbarschaft “Brunnenwiese“ gegründet, ihr erstes Wohngebäude „ein Haus wie eine Spirale“ entstand in den Jahren 2005/2006 auf dem Südostfeld in der Nähe des Trinkwasserbrunnens.

Wir expandieren


2003 kauften wir 20ha Land dazu, die östlich direkt an das Ökodorf angrenzen. 2007 gab es noch mal die Möglichkeit weitere 35 ha Wald und Ackerland zu kaufen.
Die Gemeinschaft Sieben Linden wuchs in die Breite und damit auch deren Bedürfnisse und Initiativen. Die Bautätigkeit im Gewerbegebiet (die Holzwerkstatt 2003 und die Brennholzunterstände für 300 Raummeter Holz) und auf der Brunnnenwiese (Südostfeld), sowie die Planung des Gäste und Infozentrums zogen neue Gräben für Straßen, Strom, Wasser, Abwasser und Telefon nach sich. Längst sind wir ein Großabnehmer/-Lieferant für Strom geworden und mit dem Bau von Photovoltaikanlagen wurde ein stärkerer Stromanschluss aus dem öffentlichen Stromnetz nötig.
Für einen verbesserten Brandschutz wurden baumfreie Schneisen um das Ökodorf herum geschlagen, die Bauwägen auf das im Bebauungsplan ausgewiesene Baugebiet umgezogen und mit Edelstahlschornsteinen ausgestattet. Damit erreichten wir die Legalisierung der Bauwagen.
Wurden bisher nur Teile des Gartengeländes genutzt, so wurden nun mit Pferdepflug und Traktor alle Flächen urbar gemacht und bewirtschaftet.
Die Wasserversorgung hatte nun die Größe eines kleinen Wasserwerkes erreicht. Dafür wurden die Brunnen fest ausgebaut und eine Filteranlage in den Keller des Regiohauses eingebaut. Die Pflanzenkläranlage bedarf jetzt eines weiteren Ausbaus.
Ende 2005 sprengten wir inklusive Kinder, ProbezeitlerInnen, FÖJlerInnen und Dauergäste die 100er-Grenze. 2008 sind es ca. 85 BewohnerInnen und 35 Kinder.


Eine Gemeinschaft ensteht


Von 1997 bis 2005 wuchsen wir von 7 Pionieren auf insgesamt 115 Menschen an.
Die Pionierjahre waren geprägt vom Aufbau der grundlegenden Infrastruktur, von sehr viel Arbeit bei überschaubaren sozialen Prozessen. Bei wachsender BewohnerInnenzahl und auch persönlichen Konflikten wurde es notwendig, die inneren Prozesse vom Sachlichen (im Plenum z.B.) zu trennen. 1999 begannen wir, angeregt durch das ZeGG mit “Forumsarbeit" um dem sozialen Miteinander und den emotionalen Prozessen mehr Raum zu geben. Das Thema Gemeinschaft wurde neben der Ökologie zunehmend wichtiger.
2002 wurde der Waldkindergarten Poppau gegründet
Das Grundsatzpapier sah es vor, dass Neuankömmlinge nur in bestehende Nachbarschaften integriert werden können. Dennoch entstanden nur wenige Nachbarschaften. Um den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden, wurde die Verpflichtung zum Anschluss an die Nachbarschaft aufgegeben, aber dennoch ein neues Augenmerk auf soziale Kreise
schon bei der Aufnahme in die Probezeit gelegt (Forum, Freundeskreise, Arbeitsteams).
Das wöchentliche Plenum geriet in die Krise, bis es Anfang 2003 abgeschafft wird. Die wachsende Gemeinschaft suchte nach einem stimmigeren Entscheidungsmodell, das die gemachten Erfahrungen einbezieht, weniger Zeit in Anspruch nimmt, effektiver ist und Vertrauen schafft. Nach einjähriger Suche und Experimenten wurde 2004 das neue Entscheidungsmodell verabschiedet.
Im Herbst 2003 entflammte ein bisher ungeklärtes Thema: die Tierhaltung. War Tierhaltung für viele von Anfang an Teil ihrer Vision von Selbstversorgung, so gab es gleichzeitig immer den Traum von einem tötungsfreien Raum im Ökodorf. Wir haben uns für diesen Prozess viel Zeit gelassen. Schließlich half uns eine sachliche Diskussion nicht weiter, hier ging es neben ethischen und politischen Fragen v.a. um Gefühle, Träume, Erfahrungen und Ängste. 2 Jahre später waren wir bereit für einen Beschluss zur Tierhaltung im Sinne des Gnadenhofmodells.
Im Ökodorf werden keine Tiere gehalten, die hier oder anderswo geschlachtet werden (ausgenommen Tiere zu Gast und der Gnadentod). Die KonsumentInnen tierischer Produkte verzichten damit aus Rücksicht auf die VeganerInnen auf eine Selbstversorgung mit tierischen Produkten.
Die Jahre 2006/2007 sind/waren eher Jahre des Zweifelns und der Erneuerung. Die Gemeinschaft sucht nach sich selbst. Was verbindet uns wirklich, was kann uns Kraft geben, die anstehenden Werke und Fragen zu bewältigen? Ist Jede/R wirklich am richtigen Platz? Lebt Jede/R sein/ihr Potential? Zählen für uns wirklich noch gemeinsame Grundsätze, stimmen die alten noch? Wie können neue aussehen? Insbesondere ökonomische Fragen zehren an der Gruppe.


(Aktualisiert 2/08)

 
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